Sacra Tibia: Gundelfing - Dialoge




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Sacra Tibia: Gundelfing - Dialoge

Beitragvon almafan » Di 30. Okt 2018, 21:42

Hiermit schreibt Hexagon nieder die Dialoge zwischen Milos, dem Ritter zu Sitavia; Herr der Bastei; Dienstmann Balians, des Jüngeren, Ritter zu Sitavia, Herr des Vorwerks Sitavia; Dienstmann des Felix Berenguer, des Schutzherrn und Fürsten der Reichsstadt Aggrippina, Lehnsmann des Königs Heinrich II.; Mitglied im Thing der freien Männer; Botschafter des Hofes in Beijing; Sohn des Iring, des fünften Kindes des Martin, Fürst und Herr über die Martinsburg und Gundelfing, Diakon und Priester zu Sitta und Halifa.
Die Aufzeichnungen der Gespräche aus dem Munde Milos' am Tage der Niederschrift 17. März, im 14. Regierungsjahr des König Heinrich II.

Inhaltsverzeichnis:
"Was passiert eigentlich, wenn du uns nicht von Gott erzählst?"
"Gerüchte schweigen sich schnell rum."
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almafan
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von Anzeige » Di 30. Okt 2018, 21:42

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Re: Sacra Tibia: Gundelfing - Dialoge

Beitragvon almafan » Di 30. Okt 2018, 21:43

"Was passiert eigentlich, wenn du uns nicht von Gott erzählst?"

Ich erinnere mich noch an eines der ersten Gespräche mit Gundelfing, unserem Priester auf Sudet, der damals von Goswyndorf kam. Er war da noch nicht lange in Halifa und hatte die Priesterweihe bis dato nicht erhalten. Der alte Priester hat ihn dennoch oft auf die Kanzel gelassen, damit er die Rede übe. Das Ableben des Alten war im Grunde absehbar, aber dann doch überraschend. Wir sind immer von Sitta fast zwei Stunden für den Mittwochs- und den Sonntagsgottesdienst durch den Wald gelaufen. Bei Wind und Wetter. Und zu den Passionstagen auch am Freitag. Und dann, an einem Sonntag, stand Gundelfing für die Predigt vor der Kirche und begrüßte alle. Der Alte war nirgens zu sehen. Gundelfing unterhielt sich nach der Messe mit Hotos und Bruno, den Gemeindevorstehern Sittas, und mit Ullrich, dem Gemeindevorsteher von Halifa. Dann besprachen diese gemeinsam mit dem Grundherrn Balduin die Angelegenheit. Es war nämlich so, dass der alte Priester kurz vor dem Eintreffen der ersten Frommen im Sitzen in fertigem Gewand verstarb. Das erfuhren wir Kinder und auch die meisten anderen erst einige Tage später. In Halifa machte es sicher schon die Runde, bevor nur ein Wort in unserem Dorf umherging. Euin toter Priester kurz vor dem Gottesdienst konnte kein gutes Omen sein. Es musste dort ja auch in Halifa auffallen, dass einer im Alltagsbild fehlt. An einem Donnerstag wurde er beerdigt. Hanis und mein Vater Wigberd waren seltsam still. Sie sagten so schon wenig, aber diese Stille war anders. Bedrückender. Und dabei konnte Hanis den Priester gar nicht leiden. Der hatte sich immer aufgeregt und in seinen Reden gegen Hanis gezüngelt, da dieser in den Gottesdiensten fehlte oder reichlich zu spät kam. Aber er sagte immer, das Feuer hält sich nicht an Liturgie. Na, zur Beerdigung schwieg sogar die Schmiede.

Gundelfing hielt irgendwann auf jedenfall eine seiner Predigten. Ah ... jetzt fällt's mir wieder ein. Da war Gundelfing schon Priester: Ich habe denen gern gelauscht, weil sie so einfach gehalten waren. Er übersetzte die Bibelferse sehr frei aus dem Lateinischen und schaute uns, dem einfachen Volk dabei auf's Maul. Er erzählte keine Beschlüsse und Kassenberichte von irgendwelchen fernen Gegenden, die keiner von uns je gesehen hätte. Wen kümmert der Bischof am Tiber? Aber an dem Tag konnte ich dem Gesagten nicht folgen. Ich habe mich gefragt, warum so ein junger Mann bereits so einen überzeugenden Glauben hatte und warum er mit so viel Eifer Priester werden wollte. Und dazu noch an diesem abgeschiedenen Flecken Erde.
Also habe ich ihn nach der Messe gefragt: "Du, Gundelfing, was passiert eigentlich, wenn du uns nicht von Gott erzählst?" Er hat von Hanis' Frau gerade Eier als Zehnt überreicht bekommen und drehte sich mit etwas verwundertem Blick zu mir: "Das muss ich. Das ist mein Auftrag. Ich habe gar keine Wahl." Diese Antwort konnte ich wiederum nicht so recht in die sonstige Begeisterung seiner Reden einordnen. Und so fragte ich: "Also machst du das, weil der Vikar dich zwingt?"
Darüber musste Gundelfing schmunzeln. "Nein,", versicherte er mir: "Es ist schon so, dass er einen großen Druck ausübt, aber was wäre ich für ein Priester, wenn ich nicht aus mir heraus wüsste, wie wichtig es ist, anderen von Gott zu erzählen?" Ich habe kurz überlegt: "Hm... vermutlich kein besonders guter." Er pflichtete mir bei.

Dann holte er seine Bibel und blätterte in den Evangelien. "Ich suche gerade nach einem passenden Gleichnis, dass Jesus mal seinen Jüngern auf dem Ölberg erzählte. Dieses Gleichnis hörten die Jünger nur zwei Tage vor der Hinrichtung Jesu.", sagte er. Er lobte mich dafür, dass ich mir gemerkt habe, dass Jesus da schon drei Jahre seine Apostel gelehrt hatte. Dann las er mir das Gleichnis vor, dass er in Matthäus, Kapitel 24 über die Talente fand, aber ich verstand kein Wort. Also hielt er die Bibel schräg vor mich und zeigte auf verschiedene Worte. "Das hier heißt Talent, das war eine römische Währung. Dieses Wort ist die Fünf, hier steht die Zwei, dort die Eins." Dann erzählte er die Geschichte über die drei Diener eines Herrn, die unterschiedliche Geldsummen erhalten haben und diese bis zu seiner Rückkehr verwalten sollten. Du kennst die Geschichte ja: Der erste bekommt fünf Talente und handelt damit weise, so dass es zehn werden und wird belohnt. Der zweite bekommt zwei Talente und macht daraus vier, und wird auch belohnt. Der dritte Diener erhält ein Talent und verbuddelt es. So verliert er zwar nichts, da er es aber nicht gemehrt hat, straft ihn sein Herr.
Ich Bauertrampel habe es aber immernoch nicht verstanden. Was hatte dieses Gleichnis denn mit dem Priester zu tun? Wenn der Letzte doch keinen Verlust erlitt, warum wurde er bestraft? Gundelfing fing an zu erklären: "Die Talente sind nach den jeweiligen Fähigkeiten vergeben und stehen in diesem Gleichnis für die Botschaft Gottes durch Jesus. Jeder hat ein unterschiedliches Verständnis und jeder hat unterschiedliche Fähigkeiten. Jeder sollte sich nach seinen Fähigkeiten anstrengen, das Vermögen des Herrn zu mehren, will heißen, Gott noch besser zu lieben und auch anderen diese Liebe beizubringen. Natürlich ist Jesus klar, dass nicht jeder gleich viel leisten kann. Aber, wer wie der faule Sklave nicht einmal versucht, den Zinsertrag herbeizuführen, der wird Jesus ganz sicher enttäuschen. Solche Leute kann Jesus nicht in seinem Himmelreich brauchen."
Plötzlich verstand ich. Die strengen Ermahnungen des Vikars sind vergebene Luft. Der Priester bemüht sich bereits aus Gehorsam gegenüber Gott um die Vermittlung der Liebe zu ihm. Als ich Gundelfing das auch sagte, antwortete er: "Du hast es erfasst. Und selbst, wenn er etwas anderes wöllte, müsste ich es mit Petrus halten. Der sagte vor dem Sanhedrin, dem höchsten Gericht der Juden in Jerusalem, als diese den Aposteln das Predigen verbieten wollten: 'Ob es in den Augen Gottes gerecht sei, eher auf euch zu hören als auf Gott, urteilt selbst.' "

Der Mann war standhaft im Glauben. Ob er aber auch so mutig wie Petrus gewesen wäre, wenn es zu einer Anhörung gekommen wäre ... Ich kann es nicht mir Gewissheit sagen. Aber ich hatte das Gefühl, dass dies erst der Beginn einiger lehrreicher Gespräche werden würde.
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